Martin Schramme, Jahrgang 1970, Thüringer, neugieriger Sprach- und Geschichtsforscher, Wort- und Bildkünstler, ist der Erfinder und Entwickler von „Deutschkanal“. Hier erzählt er über sich.

Ich liebe Sprachen, erforsche die Herkunft der Wörter und suche nach dem, was die Menschen in dieser Welt verbindet. Meine ersten Texte schrieb ich mit acht Jahren. Damals besuchte ich erstmals die Arbeitsgemeinschaft „Zirkel schreibender Schüler“. Die Leuna-Werke – größte Chemiefabrik der DDR – boten dort Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Sprache künstlerisch zu entwickeln. Ich schrieb vor allem Gedichte. Damals stand ich mit der deutschen Sprache noch auf Kriegsfuß, wie ich an meinen zahlreichen Fehlern in Schulheften jener Zeit sehen kann. Orthographie und Grammatik fielen mir schwer. Auch meine rastlosen Gedanken zu sortieren und in verständliche Sätze zu fassen, war eine Herausforderung für mich. Selbst meine Klassenlehrerin, die auch Deutsch unterrichtete, verzweifelte an meinen Schachtelsätzen und kam an ihre Grenzen bei der Kommasetzung in meinem Kauderwelsch.

In Grammatik hatte ich zeitweise die Note 3. Das lag nicht zuletzt an den vielen Fachbegriffen, allesamt Fremdwörter, die ich einfach nicht verstehen konnte. Plusquamperfekt – was sollte das sein? Präsens, Präteritum, Imperativ, Konjunktiv, Instrumental, Superlativ. Es nahm einfach kein Ende. Doch ich verbesserte mich schrittweise, weil ich viel las und sprach und vor allem schrieb, wo immer ich war. So schrieb und illustrierte ich zahlreiche Zeitungen und entwickelte Kreuzworträtsel. Meine Leserschaft waren meine Eltern. Ab der 6. Klasse war ich Agitator, setzte mich also mit aktuellen politischen Themen auseinander und referierte darüber vor der Klasse. Später wurde ich zudem Wandzeitungsredakteur und schrieb mehr als die sonst in der DDR üblichen Lobeshymnen in meine regelmäßigen Artikel.

In der 10. Klasse hatte ich in Deutsch eine 1 und konnte in der Prüfung mit meinen Ausführungen zum Gedicht „Deutschland ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine überzeugen. Beim Abitur suchte ich mir das Wahlpflichtfach „Weltliteratur“ aus und hatte so erneut überdurchschnittlich viel mit der deutschen Sprache zu tun. Nebenbei schrieb ich immer wieder Gedichte, Berichte und Geschichten. Während meines Studiums der Verfahrenstechnik in Merseburg war ich Verfasser und Herausgeber der Studentenzeitung „Blacky“. In Halle lieferte ich 1994 meine ersten Zeitungstexte bei der „Mitteldeutschen Zeitung“ ab und studierte Politikwissenschaft. Ich hatte also erneut viel zu lesen und zu schreiben. Ab 1999 arbeitete ich Vollzeit journalistisch, erst als Freiberufler, dann als fester Redakteur. 

2015 bot mir die Medienlandschaft in Deutschland keine sichere Heimat mehr. Durch das Internet hatte sich die Lage für die klassischen Medien dramatisch verschlechtert. Es zeichnete sich ab, dass ich beruflich umsteuert müsste. Nur, wohin? Auf Raten eines Freundes fragte ich 2016 erstmals nach, ob ich meine Kenntnisse als Journalist verwenden könnte, um Deutsch zu unterrichten. Damals führte jedoch kein Weg hinein. Das Schulamt riet mir zu einem Pädagogik-Studium, was für einen Familienvater im Alter über 40 Jahre völlig absurd war. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schrieb ebenfalls einen Negativbescheid. 2018 nahm ich einen neuen Anlauf und belegte einen mehrmonatigen Kurs für Deutsch als Fremdsprache (DaF). Dort erwarb ein Zertifikat als DaF-Trainer und die Ausbilderberechtigung (AEVO).

Anfang 2019 fand ich in meiner Heimatstadt Halle (Saale) einen Bildungsträger, der mich als Stützlehrer einstellte. Fortan hatte ich mit benachteiligten Jugendlichen – Deutschen und Nicht-Deutschen – in der Berufsausbildung zu tun. Ich betreute Beruf vom Anlagenmechaniker bis zum Zerspanungsmechaniker. Hauptschwerpunkt war die Mathematik und Deutsch. Dabei war Deutsch nicht nur für die Einwanderer, sondern offenbar auch für einige Deutsche eine mehr oder weniger schwere Fremdsprache.

Während meiner Schulzeit in der DDR lernte ich zwei Fremdsprachen: Russisch und Englisch. Im Studium probierte ich mich an weiteren Sprachen aus: Spanisch, Japanisch, Litauisch und Italienisch. 2016 schnupperte ich während einer Weiterbildung auch bei Arabisch rein. Durchgesetzt haben sich am Ende nur Englisch (weil ich es immer wieder brauchte) und Russisch (weil meine besten Freunde immer wieder aus Russland kamen). Ich war in vielen Ländern Europas, im Süden Afrikas und in Teilen Asiens (Sibirien, Georgien und Armenien) und hatten auch sonst zahlreiche internationale Kontakte: Begegnungen in Deutschland, Reisebekanntschaften sowie Brief- und Internetfreunde von Japan bis Peru, von Finnland bis nach Namibia, von Litauen bis nach Frankreich. 

Seit 2017 begleitet mich das Lernen, Verstehen und Unterrichten der deutschen Sprache auch privat. Für meine Frau ist Deutsch eine Fremdsprache. Dank ihrer unendlichen vielen Fragen und Schwierigkeiten mit Deutsch lerne ich meine Sprache noch besser kennen und verstehe, welche Hindernisse überwunden werden müssen. 

Das Projekt „Deutschkanal“ ist 2019 entstanden. Ziel dieser Internetplattform ist es, beim Erlernen der Sprache zu helfen und auch Muttersprachlern Anregungen zu geben für die abenteuerliche Reise durch die deutsche Sprache und deren Vermittlung.